Ich habe einen Roman geschrieben, der von den vietnamesischen Vertragsarbeiter:innen, die zwischen 1980 und 1989 in die DDR gekommen sind, handelt. Nach über einem Jahr intensiver Recherchearbeit, kräftezehrenden Gesprächen mit meinem Vater, bei dem oft die eine oder andere Träne gekullert ist, und anregendem Austausch mit freundlichen Unterstützern, ist das Projekt nun nicht mehr nur in meinem Kopf.

 

Warum möchte ich diese Geschichte erzählen?

 

1980 schloss die DDR für die Ankurbelung der Wirtschaft Verträge mit seinen sozialistischen Bruderländern ab. Eins davon war die SR Vietnam. Vietnam war seit Kriegsende 1975 eins der ärmsten Länder der Welt. Wer die Möglichkeit für einen Auslandsaufenthalt bekam, konnte in den meisten Fällen nicht Nein sagen. Wie am Fließband schickte Vietnam bis Ende 1989 rund 60.000 Arbeiter:innen in den Westen. 

 

Es kamen aber Menschen an. 

 

Menschen, die Gefühle haben. Menschen, die Familie haben. Menschen, die den Krieg kannten. Sowohl Liebe, Familiennachzug als auch eine Integration in die deutsche Gesellschaft waren verboten oder nicht vorgesehen. Wer sich nicht an die Regeln hielt, wurde abgeschoben. 

 

Nach dem Fall der deutschen Mauer und dem Ende der DDR standen die vietnamesischen Vertragsarbeiter:innen plötzlich vor dem Nichts. Sie wurden in Deutschland nicht mehr gebraucht und in Vietnam nicht mehr aufgenommen, als wären sie unnützes Werkzeug. Niemand kümmerte sich um sie. Es waren hauptsächlich junge Erwachsene, die weder die deutsche Sprache beherrschten noch wussten, wie sie ein unabhängiges Leben führten. Gezwungenermaßen kehrten über 50% von ihnen nach Vietnam zurück. Für die, die in Deutschland blieben, begann ein harter Überlebenskampf. Der Weg in die Selbstständigkeit stellte für die meisten die einzige Rettung dar.

 

Heute sind viele dieser vietnamesischen Vertragsarbeiter:innen 60 Jahre alt. Einige von ihnen haben Kinder und Enkelkinder in Deutschland, denen sie ihre Geschichte nicht erzählen können, weil eine Sprachbarriere besteht. Andere sind mit ihren Unternehmungen erfolgreiche Pioniere und können endlich das Geld in die Heimat schicken, von dem sie vor rund 40 Jahren in ihrem kleinen Wohnheimzimmer nur geträumt hatten.

 

Es liegt in der vietnamesischen Kultur, sich von schlimmen Ereignissen abzuwenden und negative Gefühle für sich zu behalten. Wenn man heute einen ehemaligen vietnamesischen Vertragsarbeiter fragt, wie es damals war, schmunzelt er nur und schwärmt davon, wie toll die DDR war. Über die Zeit nach dem Mauerfall wird geschwiegen. Zu schmerzhaft sind die Erinnerungen. 

 

Doch ich sehe die Narben dieser Generation.

 

Ich spüre sie am eigenen Leib. Deshalb bin ich hier. Ich erzähle das Unausgesprochene, um der zweiten und dritten Generation der Deutsch-Vietnamesen, aber auch der deutschen Gesellschaft und den Vietnamesen in Vietnam zu vermitteln: Thời thế tạo anh hùng. Die Zeit schafft Helden. Die ehemaligen vietnamesischen Vertragsarbeiter:innen sind in meinen Augen Helden, die Großes geleistet haben. Ihnen gebührt Anerkennung.